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    Grenzen ziehen in einem auch unsozialen Netz

    «Die Kommunikation im Internet hat keine unmittelbare Rückwirkung auf das lokale Sozialleben der individuellen Teilnehmer. Daher fühlen sie sich frei(er), sich ohne Hemmungen auszudrücken. Man ist ungewöhnlich nett zueinander (so genanntes “netslutting” oder “flirting”) oder man verhält sich in nahezu exzessiver Weise beleidigend und droht anderen sogar (so genanntes “netshitting” oder “flaming”).»
    Albert Benshop

    Die Möglichkeit, die uns das World Wide Web bietet, relativ unabhängig von Raum und Zeit mit anderen nah und fern, uns bekannt oder unbekannt zu kommunizieren, ist vorbehaltlos wunderbar. Gleichzeit ist das mit dem Kommunizieren auch wieder eine ambivalente Geschichte im und via dem Internet. Aus zwanglosen Unterhaltungen erwachsen unbekannte Verehrer_innen, weil da so viel Raum für Phantasie ist. Aus dem einen oder anderen Kommentar entsteht ein hitziger Schlagabtausch, der in Beleidigungen mündet, weil wir ohne Mimik und Gestik unsere Gegenüber leichter missverstehen. Ein Scherz wird zwar von (fast) allen als solcher verstanden, gerät aber doch bei jemanden in die falsche Kehle, den wir im erweiterten Bekanntenkreis haben. Und dann sind da manchmal Leute, die nur vorgeben Gespräche führen zu wollen. Im Netz gilt daher ähnlich wie im so genannten Real Life, dass wir Grenzen setzen sollten.

    Abgrenzungen zum Selbstschutz auf Facebook

    Bei Facebook sind Mitte 2010 über 10 Millionen Nutzerinnen und Nutzer in Deutschland angemeldet. 60 Prozent der Nutzer_innen sind zwischen 18 und 35 Jahren alt. Wer viele Personen erreichen will, sich an deren Diskussionen, Empfehlungen und Hinweisen beteiligen will, kommt an Facebook 050 nicht vorbei. Die Datenschutzeinstellungen bei Facebook sind problematisch und nur umständlich einzustellen. Der einzig wirklich sichere Weg, die eigene Privatsphäre und Person zu schützen wäre also, sich von Facebook fernzuhalten.

    Mit Facebook verhält es sich ähnlich wie mit Sex. Der sicherste Weg sich nichts zu holen, wäre auch hier, darauf komplett zu verzichten. Das kann eine Option sein, dabei entgeht einem aber auch etwas. Folgende Hinweise sind für alle die gedacht, die trotz dieser Bedenken Facebook nutzen wollen, also analog zu safer sex auch sicher kommunizieren wollen. Das beginnt mit dem Anlegen eines Benutzerkontos, wenn du nicht bereits eines hast. Leg zuerst eine eigene E-Mail-Adresse bei einem Webmail-Anbieter an, die du zur Erstellung und Verwaltung von Social Media Accounts verwendest, verbinde nicht deine dienstlichen und privaten E-Mail-Konten mit Facebook. Gleich im Zuge der ersten Schritte beim Anlegen eines Benutzerkontos schlägt Facebook nämlich vor, “dich Freunde finden” zu lassen, wenn Du Zugriff auf die von Dir gespeicherten Mailadressen zulässt. Finger weg davon. Facebook speichert diese E-Mail-Adressen bei sich und Du hast keine Kontrolle mehr darüber, was dort damit passiert. Wenn du Felder mit Angaben zu deiner Person ausfüllst, kannst du einfach darauf verzichten, Angaben zu Schule, Hochschule und Arbeitgeber zu machen. Auch deinen Geburtstag musst du anderen, und den diversen angehängten Datenbanken, nicht öffentlich machen.

    Facebook bietet wie andere Anbieter auch von dir als Benutzer_in definierbare Profil- und Datenschutz-Einstellungen an. Mehr noch als jede andere Plattform versucht das Unternehmen Facebook aber, diese Einstellungen kompliziert zu halten. Sie sind mühsam zu durchschauen, zu ändern und werden aber vom Unternehmen selbst laufend geändert; in der Regel, ohne den Benutzer_innen etwas davon zu sagen. Schon alleine daher zahlt es sich aus, immer wieder einmal nach den Empfehlungen von Facebook kritischen Organisationen zu schauen. Einige Empfehlungen gibt es als Anleitungsvideos auf YouTube (eine ausführlichere Version der hier angebrachten Hinweise findest du bei der IG Metall). Die von Facebook vorgeschlagenen Einstellungen für die Privatsphäre kannst du schmeissen, geh auf «Benutzerdefinierte Einstellungen» und geh das einmal aufmerksam durch.

    Wie sollte man mit “Anderen” auf Facebook umgehen?

    Wir können uns auf Facebook mit anderen dort angemeldeten Personen vernetzen, in dem wir diesen Personen eine Freundschaftsanfrage schicken beziehungsweise auf von anderen kommenden Freundschaftsanfragen reagieren. Für die Vernetzung mit wenigen uns bekannten Personen spricht, dass wir so unsere eigene Person und Daten eher schützen. Für die Vernetzung mit vielen spricht umgekehrt, dass in größeren sozialen Netzwerken eher interessante Informationen zirkulieren. Wir empfehlen, diese “Freunde” wie es bei Facebook heißt, in verschiedene Listen aufzuteilen. Für die Freunde, die wir auch im wirklichen Leben als solche bezeichnen würden, sollte es eine Liste “Gute Freunde” geben. Arbeitskolleg_innen kommen in die Liste “Kollegen”. Weitere Kontakte uns nicht näher bekannter Personen, die aber interessante Benutzer_innen des Netzwerks sind, kommen auf eine eigene Liste. Über diese Einteilung lässt sich dann genauer steuern, wer welche Informationen zu sehen bekommen soll. Ohne diese Aufteilung sehen auch Kollegen_innen und nicht nur die guten Freunde jede kritische Bemerkung zum Arbeitsplatz.

    Hast du einmal Listen angelegt, kannst du bei den oben schon erwähnten «Benutzerdefinierte Einstellungen» bestimmen, wer welche Informationen von deinem Account sehen kann, also zum Beispiel dein Geburtsdatum oder deine Ausbildung sehen kann. Besondere Beachtung verdient die Funktion, von anderen auf Fotos oder in Beiträgen markiert zu werden. Wenn du kein Bild einer Voodoo-Puppe mit einer Markierung deiner Person sehen willst, nicht mal im Scherz, dann deaktiviere diese Funktion.

    Von dir veröffentlichten Beiträge können durch mit dir vernetzte Freunde auf deren Pinnwand gesehen, weitergeleitet und natürlich auch kommentiert werden. Wenn du Kontakte in einzelne Listen aufgeteilt hast, kannst du Beiträge aber auch gezielt nur für eine bestimmte Gruppe veröffentlichen. Manches sollte schon aus Selbstschutz nur für bestimmte Gruppen sichtbar soll. Die einfachste und harmloseste Form des Feedbacks ist ja der Klick auf «gefällt mir». Damit interessante Info weiter verbreitet werden, muss aber die «Teilen» Schaltfläche bemüht werden, und in der Regel wollen wir unsere Informationen auch weitergeleitet sehen. Manchmal entwischt Facebook-Nutzer_innen so jedoch ein schnell getippter Eintrag, den sie dann nicht mehr zurück holen können. Wenn dein Eintrag kommentiert oder weitergeleitet wird, wird der Kreis derer, die ihn sehen und wiederum kommentieren können größer. Unter diesen Kommentaren können auch negative, beleidigende oder schlicht sinnlose Wortspenden vorkommen.

    Auch Mobbing ist bereits seit längerem ein Phänomen, dass auch im Netz und auf Facebook eigene Dynamiken entfalten kann. Im schlimmsten Fall werden Hetzreden viral, weil viele Schranken direkter Interaktion beim Cyber-Mobbing online wegfallen und das Netz auch keine Ruhephasen kennt. Wir selbst können uns nicht prinzipiell davor geschützt, nicht einmal durch eigene Abstinenz im Web. Da sind wir schon auf der sichereren Seite, wenn wir uns souverän im Netz und den sozialen Netzwerken zu bewegen verstehen und viele Netzwerkverbindungen zu solidarischen Freund_innen haben. Dann kann zwar immer noch nicht verhindert werden, dass sich Trolle in unsere Kommunikation einmischen. Wir sind aber gemeinsam kompetenter und stärker.

    Der Unbill mit Trollen

    Sie sind Wesen unbekannter Art und unbekannten Namens, des Schreibens mächtig, am sinnverstehenden Lesen nicht interessiert, die Trolle. Sie tauchen ungefragt und ungeladen in Kommentarspalten von Blogs, Facebook-Seiten oder in Foren auf und hinterlassen dort Beiträge, die wir sechs Kategorien zuordnen können. Ihre Beiträge sind entweder (a) zweckbefreit, (b) sinnlos, (c) diskussionsstörend, (d) beleidigend, (e) offensiv-angreifend, (f) von Argumenten befreit oder mehreren dieser Kategorien zuzurechnen. Sie hinterlegen sozusagen “getippten Sondermüll” und überlassen es nur zu gerne anderen, sich um ihre Hinterlassenschaften zu kümmern. Trolle können in Anwendung der dreiklassigen “Digitaler Mob Skala” eingestuft werden werden:
    1. Harmloser Kindergartentroll : Sie schreiben Einträge wie «Trollolo» oder «hahahahah hohoho» oder posten Links zu ihrer Meinung nach “lustigen” Bildern, wählen also Methoden a, b und c.
    2. Pubertierende Halbstarkentrolle: Sie schreiben Kommentare unter ausgiebiger Verwendung von Sprächen wie «dumme Nutte», «zu dumm zum Leben» oder «fick dich», dehnen also ihre Methoden von a, b und c auch auf d aus.
    3. Echte Trolle : Sie machen eindeutig die unangenehmste aller Trollarten aus, da sie nicht nur ein wenig herumpöbeln wollen. Ihr Ziel ist die Zerstörung beziehungsweise Verunmöglichung jeder Debatte und Diskussion. Echte Trolle benutzen alle Methoden außer Methode a.

    Trolle der Klassenstufen Kindergartentroll und Halbstarkentroll verwenden für ihre Beiträge in aller Regel sogenannte “Kopierpaste”, das heißt Texte, die aus einem beschränkten Trolltextvorrat herauskopiert und eingefügt werden. Sie heißen Bernd, Bernhard, Eisenhower, Bernadette oder ähnlich. Manchmal tauchen auch andere Namen auf. Echte Trolle der Klasse 3 benennen sich differenzierter und sind über den angegebenen Namen nicht sofort zu erkennen. Im Gegenteil, sie verwenden Namen als eines der Mittel, Verwirrung und Frustrationen zu stiften, in dem sie sich als anerkannte Teilnehmer_innen von Diskussionen ausgeben. Echte Trolle sind zielorientiert und das gelingt ihnen am besten, wenn sie sich nicht dem Risiko des sofortigen Gelöschtwerdens aussetzen, sondern vordergründig sachlich schreiben, zumindest was ihren Tonfall und die allgemeine Ausdrucksweise betrifft. Jedoch bedienen sie sich der “Derailing for Dummies” Methoden in nahezu perfekter Weise und versuchen, jegliche konstruktive Diskussion zu zerstören.

    Trollen aller drei Klassen ist gemein, dass sie vollständig anonym sind und um jeden Preis bleiben wollen beziehungsweise müssen. Anonymität gehört zu den Grundbedingungen ihrer Existenz. Fast alle nutzen ausgiebig Anonymisierer und TOR-Dienste, um ihr Unwesen ungestört zu treiben.

    Was wollen Trolle?

    Trolle der Klassen 1 und 2 wollen stören, erwarten sich aber eigentlich keine größere Beachtung. Sie posten ihre “Kopierpaste” und lachen heimlich allein im Keller. Sie wissen nie, was mit ihren Postings geschieht, da diese in aller Regel nie freigeschaltet werden (außer in unmoderierten Blogs und Foren, wo das Posten aufgrund des überdurchschnittliche hohen Trollbefalls aber keinen Spaß macht). Diese Kindergarten- und Halbstarkentrolle haben keine Strategie, sondern agieren wahllos. Daher kann es jede_n im Web treffen, alle können Besuche dieser Art von Trollen erhalten.

    Die “echten Trolle” sind ein anderes Kaliber, denn sie haben ihre dezidierten Zielvorstellungen: eine Diskussion durch Kumulation aller Aufmerksamkeit auf das Trollposting zu zerstören. Ihr Ziel haben sie erreicht, wenn Diskussionsteilnehmer_innen nur noch auf ihre meist unsinnigen, stereotypen Pseudoargumentationen eingehen und das eigentlich ursprüngliche Diskussionsthema vollkommen verdrängt worden ist. Lässt das Interesse an der Diskussion letztlich aufgrund des Trollbefalls nach, verschwindet der Troll beglückt und sucht sich ein neues Zielobjekt, sprich ein anderes Blog oder Forum. Zu diesem Zweck durchkämmt der echte Troll das Internet nach Triggerworten wie: «Schwule», «Lesben», «Krieg», «Islam», «Nazi», «Frauen», «Feminismus», «Männer», «Israel», «Politik», «Sex», «Geschlecht», «Emanzipation» uns so weiter. Diese oftmals kontrovers diskutierten Themen bieten die größte Trollangriffsfläche, weshalb sich der echte Troll dort am wohlsten fühlt. Der gemeine Troll liebt auch die Gemeinschaft mit anderen Trollen, weshalb er oft in Rudeln auftritt und in seinen Trollhöhlen wie krautchan oder 4chan zu gemeinsamen Trollfeldzügen aufruft. Trolle können aber auch bezahlt werden und spezielle Aufträge übernehmen, etwa die interne Kommunikation von NGOs und sozialen Bewegungen stören oder die Online Auftritte der Massenmedien heimsuchen und bei ausgesuchten Themen unter Artikel posten.

    Der Umgang mit Trollen und ihren Hinterlassenschaften

    Die erste Entscheidung, die Blogger_innen treffen können, ist jene ob Kommentare überhaupt möglich sein sollen, nur eingeschränkt oder gar nicht. Ist die Entscheidung gegen Kommentare gefallen, ist dem Blog allerdings von Beginn an viel seines möglichen Charmes genommen. Ein Blog “lebt” erst richtig durch den Austausch mit anderen. Fällt die Entscheidung für Kommentare, sollte sich jede_r Blogger_in (und jede_r Moderator_in von Forenseiten und Fanpages) Kriterien überlegen, ab wann die eingehenden Kommentare als Trollerei eingestuft werden. Während für die eine «du Homo» noch eine “normale Meinungsäußerung” oder in der Community gebräuchlicher Ausruf ist, kann es für andere und in anderen Kontexten eine üble Beleidigung sein. Nur du weißt, wo deine persönliche Grenze liegt. Du solltest freilich auch ein Gefühl dafür entwickeln, wie deine Community das sieht und wo deren Grenzen liegen.

    Als Community-Manager_in eines kollaborativen Blogs mit offiziellerem Rahmen gelten nochmals andere Regeln, die auch gemeinsam ausgemacht gehören. Du darfst in deinem Blog diese Grenze festlegen, du allein bestimmst darüber. Es ist wichtig sich klar zu machen, dass mensch zumindest auf diesen eigenen Seiten das Hausrecht hat! Sind die Kriterien in etwa festgelegt, können und sollten sie als Regeln im Blog oder Forum für alle sichtbar veröffentlicht werden. Nur: das verhindert das Auftauchen der Trolle jedoch in keiner Weise.

    Geert Lovink «Zero Comments. Elemente einer kritischen Internetkultur» und am Bildschirm ein Hasskommentar ausgestellt auf hatr.orgSascha Lobo auf der re:publica 2011 bei dem Vortrag zu seiner Troll Forschung.Die Plattform isharegossip.com, eine Board auf dem mensch ungehindert Gerüchte verbreiten kann, kurz nachdem die Website gehackt und die Betreiber von den Hacker_innen aufgefordert wurden, sich der Polizei zu stellen.

    HASS IM NETZ, TROLLE, GERÜCHTE SCHLEUDERN
    ➊ In «Zero Comments» beschäftigt sich der Medienwissenschaftler Geert Lovink kritisch mit Internetkultur, mit taktischen Medien, Aktivismus im und für das Netz, Grassroots-Bewegungen versus NGOs. Und er berührt auch «nihilistische Impulse im Netz».
    ➋ Auf der «re:publica 2011», der Konferenz über «Blogs, soziale Medien und digitale Gesellschaft» präsentiert Sascha Lobo die Erkenntnisse seiner persönlichen Troll Forschung.
    ➌ Im Juni 2011 gelingt es Hacker_innen in die Mobbing-Plattform isharegossip.com einzudringen, gegen die von Seiten der Staatsanwaltschaft ermittelt wird. Die Täter agierten bis dahin in der Sicherheit absoluter Anonymität.

    Wenn trollige Einträge eingegangen sind, die sich offensichtlich nicht an die Hausordnung halten, stellt sich zuerst die Frage des Löschens oder Nicht-Löschens? Das angenehmste Szenario ist Löschen und der Troll verschwindet. Das tut er tatsächlich oft, aber nicht immer. Einige kleben an der Backe wie ausgelutschtes Kaugummi unter der Schuhsohle und an der Stelle kommen nun in der Regel die “Zensur” und “Beschneidung der Meinungsfreiheit” Vorwürfe. Zensur ist allerdings ein staatliches System der Informationskontrolle und du moderierst ein Blog oder Forum. Der Troll wendet sich nicht als Bürger an die Verwaltung, sondern ist ein ungebetener Gast, der sich nicht an die Hausordnung hält. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Das kannst du ganz gut an der Stelle des gelöschten Kommentars feststellen und für alle anderen damit sichtbar machen, wie du vorgegangen bist. Falls du den Trollkommentar nicht löschst, gibt es die beiden Optionen, den Kommentar zu beantworten oder nicht. Ignorierst du die Trollabsonderung und alle anderen tun das auch, so verschwindet der Troll meistens mangels Aufmerksamkeit; aber nicht immer, siehe oben. Falls du den Troll ignorierst, andere Diskutant_innen aber antworten, bleibt der Troll dem Blog oder Forum ziemlich sicher erhalten und Diskussionen sind im schlechtesten Fall zerstört.

    Trollbefall nicht persönlich nehmen

    Für die Psyche der von Trollbefall Betroffenen ist es gut, wenn wir Kontakt zu gleichermaßen Betroffenen suchen. Insbesondere wenn du beschlossen hast, Trollkommentare zu veröffentlichen oder dir die zusätzliche Arbeit des Moderierierens von Kommentaren nicht antun willst, solltest du dich mit anderen absprechen. Zu mehreren kann ein Troll besser “in Grund und Boden geantwortet” werden, Stichwort: Argumentationshoheit gewinnen. Oder er kann auch besser gemeinsam ostentativ ignoriert werden. Werden die persönliche Beleidigungen zu schlimm, ist es wiederum guttuend, im Austausch mit anderen festzustellen, dass wir nicht die einzigen Betroffenen sind. Darüber hinaus macht der Kontakt mit anderen sichtbarer, dass Trolle nicht dich persönlich attackieren und eigentlich niemals eine spezielle Persönlichkeit angreifen, sondern ihre Angriffsziele stets nur nach den oben genannten Triggerworten auswählen.

    Neben den anonymen Boards, die den Trollen zum Austausch dienen, gibt es neuerdings auf der anderen Seite das Projekt hatr.org. Diese “Trollhalde” oder “Jauchegrube für Trolle”, wie wir es gern nennen, hat es sich zum Ziel gesetzt, die grausigsten Kommentare zu sammeln, die zu eklig, beleidigend, dumm, grob, hasstriefend, rassistisch, homo- oder heterophob, sexistisch etc. sind, um sie im eigenen Blog durchzulassen. Diese Absonderungen von Trollen werden aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang, Blog oder Forum herausgelöst und der direkten Angriffsfläche entzogen. In ihrer geballten Form sind sie dann schon wieder lustig. Und es ist besser über Trolle zu lachen, als sich über sie zu ärgern. Die Kommentare verlieren ihre ursprünglich boshafte Energie und zeigen auf, wie beschränkt Trolle wirklich sind. Zugleich wird durch auf hatr.org geschaltete Werbung Geld für Projekte gesammelt. Die Plattform – ein quasi WatchBlog von Trollexzessen trifft es mit seinem Motto auf den Punkt und die Trolle in ihrer Ehre, indem es (ihre) «Scheiße zu Geld» macht.

    Eine ganz neue Qualität gewinnt das Trollen, wenn es zum Stalken wird. Hier ist der Spaß definitiv vorbei. Stalker sind in der Regel nicht mit schlicht beleidigenden Blogkommentaren zufrieden. Sie geilen sich erst richtig auf, wenn sie per Kommentar oder häufiger noch per E-Mail anonym Morddrohungen, Vergewaltigungs- und Folterankündigungen schicken, die Familie der Betroffenen bedrohen, oder sich gleich selbst zum Besuch ankündigen. In diesen Fällen sollte unbedingt die Polizei informiert und der Täter angezeigt werden («Anzeige gegen Unbekannt»). Stalking, auch Cyberstalking, ist eine Straftat, die von Rechts wegen verfolgt werden muss. Nun brauchen wir nicht glauben, dass Stalker so einfach gleich ermittelt und bestraft werden. In aller Regel werden diese Verfahren schnell eingestellt, da die Täter nicht ausfindig gemacht werden. Aber die Anzeige ist dennoch wichtig, um das Ausmaß, Häufigkeit und die Verbreitung dieser Straftat öffentlich bekannt zu machen. Auch um klar zu machen, dass das kein “Kavaliersdelikt” und auch kein “Spaß” ist.

    Zusammenfassung

    Der Kommunikationsraum Internet bietet tolle Möglichkeiten und birgt gewisse Risiken. Die Kommunikationskanäle im Netz sind gleichzeitig unglaublich leistungsfähig und aber auch reduziert und entgrenzend. Da ist es häufig schwierig einzuschätzen, wo unsere Kommentare überall landen. Umgekehrt können wir nicht immer sicher sein, wie andere ihre Aussagen meinen, ob sie sind, wer sie vorgeben zu sein und ob sie überhaupt in der Art und Weise an Kommunikation interessiert sind, wie wir das annehmen. Nicht zu kommunizieren ist angesichts dieser Risiken keine erstrebenswerte Lösung. Wir müssen lernen Grenzen zu ziehen. Wir sollten überlegen und müssen bestimmen, wer wo wie weit gehen kann und wer wo was darf und was nicht.

    • Verwende eine eigene E-Mail-Adresse für das Anlegen von Benutzerkonten auf Social Media Plattformen. So grenzt du Adressbücher, die an privaten und geschäftlichen E-Mail-Adressen angegliedert sind, von Social Media Plattformen ab, die Adressbücher für Verknüpfungen nutzen. Du solltest grundsätzlich mehrere E-Mail-Adressen für unterschiedliche Zwecke verwenden.
    • Sei dir bewusst, dass Debatten im Netz leicht hitzig werden können, versuch zu beobachten, wann das passiert und rechtzeitig zu merken, wenn du Teil eines “Flame-Wars” geworden bist. Dann sofort raus!
    • Du solltest über deine persönlichen Exit-Strategien nachdenken und Regeln formulieren. Wenn sie gebrochen werden, verweise auf die Regeln und halte dich an deine Exit-Strategie.
    • Überleg, in welchen Kreisen und Räumen du was sagst und worüber du da oder dort nicht redest.
    • Erklär den Konflikt für langweilig und lächerlich, thematisiere den Konflikt und die Dynamik. Zeig, dass du darauf keine Lust hast.
    • Hol dir Feedback und Hilfe, wenn du dich angegriffen fühlst.
    • Bei echtem Stalking erstatte unverzüglich Anzeige, drucke erhaltene Droh-E-Mails aus (inklusive der Header-Informationen) und übergib sie der Polizei. Eine Weiterleitung allein reicht nicht aus!
    • Konzentrier dich auf das Problem, nicht auf die Personen, die das Problem vielleicht verursachen.
    • Füttere die Trolle nicht! Es kann nicht oft genug gesagt werden: Don’t feed the trolls!
    • Halt dich raus aus der Gerüchteküche. Bevor du Gerüchte verbreitest, frag doch mal direkt die betroffene Person, was an dem Gerücht dran ist.