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  • Online-Demonstrationen

    Best-Practices für die Mobilisierungsarbeit im Netz

    «Komm rüber Bruder, reih dich ein. Komm rüber Schwester, du bist nicht allein. Komm rüber Mutter, wir sind auf deiner Seite. Komm rüber Alter, wir wolln das Gleiche.».
    Ton Steine Scherben

    Ob Kundgebungen in der Einkaufsstraße oder im Netz stattfinden, ob Unterschriften am Hauptplatz gesammelt oder per Online-Petition eingeholt werden, es geht darum, ein Anliegen voranzutreiben. Mit Demonstrationen wollen wir einem Thema zu mehr Präsenz in der öffentlichen Wahrnehmung verhelfen. Wir wollen als Unterstützer_innen einer Sache sichtbar werden, um auch andere für dieses Anliegen zu gewinnen. Wir signalisieren etwas, stehen mit unserer Präsenz und mit unseren Unterschriften unter Petitionen für unsere Anliegen ein. Ob auf der Straße oder im Netz, wir machen Eindruck, wenn wir als “viele” wahrgenommen werden und verhelfen unseren Anliegen zu Relevanz, wenn sowohl Anliegen als auch Unterstützung allgegenwärtig zu sein scheinen und sich in immer weiterer Unterstützung neu gewonnener Sympathisant_innen zeigen.

    Ziel dieses Beitrags ist es, einen groben Leitfaden zu liefern, was bei der Planung und Durchführung von Online-Demonstrationen zu beachten ist. Angereichert wird dieser Leitfaden durch praktische Erfahrungen, die bei der Durchführung der «Online-Demo gegen den CERN-Ausstieg Österreichs» und der Online-Demonstration im Rahmen der #unibrennt-Bewegung gewonnen wurden.

    Abgrenzung vom “Click-Aktivismus”

    Es bedeutet relativ wenig Aufwand im Vergleich zu anderen Formen des Aktivismus, eine Unterschrift zu leisten oder das eigene Avatar-Bild auf einer Social Network Plattform zu ändern. Damit diese Formen des Engagements mit geringer Intensität nicht zu sinnentleertem “Click-Aktivismus” verkommen, sollte doch etwas mehr an Aufwand und Überlegung von der Seite investiert werden, die zum Engagement einlädt. Es macht durchaus Sinn, es Unterstützer_innen sehr einfach zu machen, sich niedrigschwellig zu beteiligen. Das Kriterium ist aber immer noch, dass diese Beteiligungsformen niedriger Intensität tatsächlich Effekte erzielen. Die einfache Partizipation sollte optimal genutzt werden, entweder als (1) schrittweiser Einstieg zu mehr Engagement, (2) zur explorativen Messung von Interesse und Unterstützungspotenzial, (3) zur Sammlung von Kontakten und E-Mail-Adressen, (4) zum Suchmaschinen-relevanten Pushen einer Kampagnenseite oder (5) zur (Selbst-)Organisation einer eindrücklichen und nachhaltigen Bildwirkung. Möglich sind natürlich alle diese Ziele, aber schon um nur eines anzugehen, sollte ein Mindestmaß an Planung, laufender Betreuung und Aufarbeitung investiert werden.

    Das erste Element, an das zu denken und das vorzubereiten ist, ist die sogenannte Landing Page. Diese Landing Page sollte übersichtlich und eindeutig sein, auf einen Blick das Anliegen sichtbar machen und transportieren, wie mensch sich nun engagieren und einbringen kann. Die Komplexität der Landing Page richtet sich danach, welche Aktion, welche Beteiligung von den Besucher_innen der Seite gewünscht wird: das Unterschreiben einer Petition, das Verbreiten eines Mobilisierungsvideos, das Ändern des Profilbildes oder die Beteiligung bei einer Online-Demo, die das Betreiben einer Website voraussetzt. Die gewünschten Aktionen können sehr unterschiedlich sein, sich an verschiedene Gruppen von Aktivist_innen richten, und es können mehrere verschiedene Beteiligungsangebote für unterschiedliche Gruppen sein. All diese Informationen und Rahmenbedingungen müssen klar und klar abgegrenzt sofort erkennbar sein. Ablenkende Inhalte und Informationen sollten dementsprechend ausbleiben, die Landing Page funktioniert besser, wenn sie “kurz”, übersichtlich und reduziert ist. Verschiedene Beteiligungsoptionen sind also aufzuführen und müssen mit einem Klick erreichbar sein, liegen aber eine Seite weiter. Dafür sollte die Landing Page auch mit nur einem Klick zu motivierenden Übersichten und Darstellungen führen, wie viele Aktivist_innen schon unterschrieben, etwas geteilt, in ihren Blogs etwas geschrieben oder ihre Websites mit Bannern oder “Eselsohren” ausgestattet haben. Last but not least sollte die Landing Page gut in einen einmal aufgebauten Webauftritt integriert sein, ebenso optisch in ein allfälliges Kampagnendesign integriert sein und gut vernetzt mit weiterführenden Informationen und befreundeten Organisationen. Es muss leicht sein, diese Landing Page auf Facebook & Co zu “sharen”. Und dort, wo der dank “sharing” eingebettete Link zu unserer Landing Page in einem sozialen Netzwerk sichtbar wird, muss auf einen Blick erkennbar sein, worum es geht, warum dieser Link verbreitet wurde, und weshalb wir ihn jetzt auch anklicken sollten.

    Banner-Solidarität und BlogParaden

    Sind die Landing Page und die Handlungsoptionen einmal eingerichtet, sollte nun der Link zu dieser Seite mit Aktionsmöglichkeiten von möglichst vielen Internet-Nutzer_innen aufgerufen und verbreitet werden. Der Link kann per E-Mail-Verteiler und Newsletter kursieren, via Facebook und Twitter empfohlen oder in Postings unter Artikel von Online-Medien angepriesen werden. Diese Vertriebswege müssen angeregt und unterstützt werden, laufen in weiterer Folge aber selbstorganisiert und außerhalb unserer weiteren direkten Einflussmöglichkeiten. Wer den Link zur Landing Page beziehungsweise Kampagnenseite wo überall weiterleitet, das ist nur eingeschränkt nachverfolg- und sichtbar. Das sieht ganz anders aus, wenn auf Blogs und Webauftritten anderer Artikel, Werbebanner oder Eselsohren auf die Aktion, Beteiligungsmöglichkeiten und Landing Page hinweisen.

    Banner zu Kampagnen, Protestbewegungen, Demos, PetitionenBanner und Eselsohr bei Daten-Speicherung.deunsereuni.at pagepeel und teilnehmende websites und blogs

    BANNER UND ESELSOHREN FÜHREN ZU …
    ➊ Mit Bannern allein ist das so eine Sache. Sie sollten schön, klar und sympathisch sein, um überhaupt aufzufallen und konkurrieren dabei mit vielen anderen Bannern. Dann wollen sie auch noch angeklickt werden. Und letztlich sollten sie nicht zu viel versprochen haben: die Landing Page muss der Spannung des Banners gerecht werden.
    ➋ Banner und Eselsohren können animiert sein, so wie hier auf daten-speicherung.de. Weniger ist dabei mehr. Wichtig ist die klare Aussage, eindrücklich und bestimmt. Banner und Eselsohr müssen dazu auffordern, angeklickt zu werden.
    ➌ An der Online-Demo mit dem #unibrennt-Eselsohr nehmen deutlich über dreihundert Websites teil. Das Eselsohr mit dem Bild des besetzten Audimax wird in den beiden Monaten der Besetzung weit über vier Millionen Mal eingeblendet.

    Banner sind vergleichbar mit Aufklebern und Flyern, die in der Real-World auf Aktionen oder Demonstrationen hinweisen und zur Partizipation einladen. In der gleichen Weise wie Aufkleber in der ganzen Stadt sichtbar an neuralgischen Punkten angebracht sein sollten und Flyer überall dort im öffentlichen Raum verteilt werden, wo sich viele Menschen in hoher Frequenz bewegen, so wäre es natürlich ein Ziel, mit dem Banner für die eigene Kampagne gut sichtbar an Verkehrsknotenpunkten im Netz vertreten zu sein. Wenn Banner bezahlt, Bannerwerbung also gekauft werden kann, wäre es ein einfaches, Banner mit Links zur Landing Page auf vielen Websites mit hoher Frequenz unterzubringen. In unserem Feld sozialer Bewegungen wird diese Option kaum gegeben sein. Umgekehrt ist unser Engagement wahrscheinlich glaubwürdiger und eine Stärke der Zivilgesellschaft der ehrenamtliche Einsatz. Um andere Blogger_innen und Betreiber_innen von Websites zum Einbau eines Banners zu bewegen, ist die Konzentration auf drei Aspekte hilfreich. Erstens sollte die Landing Page, die auf ihr angeregten Handlungsoptionen und der Banner gut vorbereitet sein. Zweitens sollten wir einen guten Überblick haben, welche Blogger_innen, Initiativen und Organisationen im Netz unser Anliegen unterstützenswert finden könnten. Mit regelmäßigem Monitoring und einem hohen Vernetzungsgrad ist das kein Problem, im anderen Fall wäre jetzt erst mit der Arbeit einen Vernetzung, Neulich am Kanal, “Be the Social Media” vernetzten Kanal aufzubauen zu beginnen. Drittens muss der Einbau des Banners inklusive Link einfach und auf allen Arten von Websites möglich sein. Simple Grafikdateien genügen vollkommen, es muss kein aufwendiger Banner mit interaktiven Elementen sein, den viele potenzielle Unterstützer_innen dann nicht in ihre Blogs einbauen können. Wichtiger sind verschiedene optimierte Formate und Größen sowie eine Einbauhilfe auch für den simpelsten Banner.

    Ein weiterer schöner und sinnvoller Weg, Leute zum Aufrufen einer Kampagnenseite und zur Partizipation zu mobilisieren, ist die «Blogparade», früher auch als «Blogkarneval» bekannt. Das Ziel der Blogparade sind mehrere Artikel in verschiedenen Blogs, die sich alle dem gleichen Thema widmen und auf das gleiche Anliegen verweisen. So erhöht sich nicht nur die Präsenz des Anliegens, es sammeln sich auch die Links von verschiedenen Sites im Netz, auf die Landing Page verweisen. Die Blogparade bedarf freilich eines ersten Aufrufs. Jemand wirft ein «Blogstöckchen» und ruft andere Blogger_innen zur Beteiligung auf. Diese verwenden ihr Blog, um in eigenen Worten auf die Kampagne, Aktion, Kundgebung, Problematik hinzuweisen, und um ihre Leser_innenschaft auf Beteiligungsmöglichkeiten aufmerksam zu machen. Wie bei einem Pyramidenspiel sollte jeder neue Blogeintrag auch den konkreten Aufruf an befreundete Blogger_innen enthalten, sich ebenfalls mit einem Blogeintrag zum gemeinsamen Anliegen zu beteiligen und seiner- oder ihrerseits weitere Personen anzuschreiben. Im Feld des Netzaktivismus oder wenn es sich um bewegende Ereignisse wie Stuttgart 21 oder die #unibrennt-Bewegung handelt, reicht ein Anstoss, damit viele Blogeinträge zum Thema mit Links zur Landing Page entstehen. In den meisten Fällen wird jedoch etwas Kommunikation im Hintergrund zielführend sein, um andere auf eine Kampagne hinzuweisen, zu instruieren, und um Hilfe in Form von Blogbeiträgen und Einbau eines Banners zu bitten.

    Die Online-Demo der vielen Eselsohren

    In der deutschsprachigen Wikipedia wird der Begriff «Online-Demonstration» wie folgt definiert: «Eine Online-Demonstration oder ein virtuelles Sit-In ist eine politische Aktionsform des Internet-Zeitalters. Durch wiederholtes Aufrufen einer bestimmten Homepage von zahlreichen Computern aus und innerhalb einer festgelegten Zeitspanne wird eine Blockade des Servers beabsichtigt, über den die betreffende Homepage erreichbar ist. Bei einem technischen Erfolg ist die entsprechende Webseite unerreichbar oder nur stark verlangsamt abrufbar.» Um dieses Verständnis der Online-Demo geht es hier nicht. Ich definiere “Online-Demo” hier als: eine politische Aktionsform des Internet-Zeitalters, bei dem Website-Betreiber_innen ihre Unterstützung für ein Anliegen durch das Einblenden von Bild-, Audio- oder Videoelementen auf der eigenen Website in Form eines sogenannten Pagepeels (“Eselsohr”) anzeigen. Das Eselsohr als Werbeform taucht 2006 erstmals im Internet auf. Bereits 2007 wird es im deutschsprachigen Netz weit verbreitet, als die Online-Demo des Arbeitskreises Vorratsdatenspeicherung anläuft, an der sich bis Ende 2007 bereits siebenhundert Websites beteiligen. Durch die zentrale Platzierung der Eselsohren kann eine hohe Aufmerksamkeit für das Thema generiert werden. Eindrucksvoll sind Banner und das Eselsohr schließlich, wenn sie an mehreren Stellen – also Websites – im Netz zentral platziert sind und nicht in Bannerwäldern untergehen.

    Schon vergleichsweise kleinere Online-Demos können einige Aufmerksamkeit generieren und Aktionen bündeln. Die Online-Demo gegen den beabsichtigten CERN-Austritt Österreichs 2009 war eine Aktion von Blogger_innen und anderen Website-Betreiber_innen, bei der ein Klick auf das Eselsohr zur Landing Page der Initiative «Save Our Science» führte, wo eine Online-Petition unterzeichnet werden konnte. Die Dauer dieser aus dem Boden gestampften Online-Demo betrug eine knappe Woche. Die Bewerbung fand auf Websites der Science-Community und hauptsächlich durch Postings unter Newsbeiträge der etablierten Massenmedien statt. Es gab eine eigene Facebook-Seite gegen den Ausstieg Österreichs aus Cern und ebenso eine große Leserbrief- und E-Mail-Kampagne. Innerhalb einer Woche wurde die Entscheidung über den Ausstieg Österreichs aus CERN revidiert. Welchen Anteil die Online-Demonstration an diesem Ergebnis hatte, läßt sich schwer messen. Die Verwendung von Shortlinks (der Dienst bit.ly wurde eingesetzt) ermöglichte die Aufzeichnung und Nachverfolgung der Anzahl der Klicks von den 53 teilnehmenden Webseiten. In den Tagen zwischen dem 12.5.2009 und 18.5.2009 kam es zu rund 10.000 Einblendungen des Pagepeels.

    Die Online-Demo für unsereuni.at

    Im Rahmen der #unibrennt-Bewegung wird die beschriebene Methode ab dem 27.10.2009, also bereits am fünften Tag der Bewegung eingerichtet. Blogger_innen und Website-Betreiber_innen können durch das Installieren des Pagepeels auf ihren Websites Solidarität mit den Besetzer_innen des Audimax üben und die wenige Tage zuvor neu ans Netz gegangene Plattform unsereuni.at dadurch unterstützen. Durch einen Mouseover-Effekt wird das Eselsohr in der rechten oberen Ecke vergrößert und mit einem Klick gelangt mensch zur Website der #unibrennt-Bewegung. Ein Großteil der Bewerbung der Online-Demo erfolgt durch Social Media-Plattformen. Twitter und Facebook spielen hierbei eine zentrale Rolle. Durch die viralen Elemente dieser Kommunikationsformen (einfaches retweeten, «gefällt mir»-Buttons) kann schnell eine weite Verbreitung erreicht werden. Damit die Online-Demo starten kann, werden die notwendigen Infos und Codebeispiele auf einer eigens eingerichteten Seite im Wiki von unsereuni.at online gestellt. Mit Hilfe eines grafisch geschulten Aktivisten wird ein ausdruckstarkes Foto als Grafik für das Eselsohr eingebaut. Die online gestellte Einbauanleitung wird weitgehend von der letzten Online-Demo gegen «Metternich 2.0» übernommen. Alle Vorbereitungsmaßnahmen sind innerhalb eines Abends abgeschlossen und die Bekanntmachung läuft an. Mit jeder Website, jedem Blog, auf dem das unsereuni-Eselsohr eingebunden wird, steigt die Wahrnehmung auch der Online-Demo. Im Wiki von unsereuni.at beziehungsweise unibrennt.at werden alle teilnehmenden Websites aufgeführt, um die Dynamik und Sichtbarkeit der Online-Demo noch weiter zu verstärken. Bald sind es über 300 vorwiegend Blogs, auf denen die Besucher_innen bei jedem Aufruf die Grafik rechts oben im Eck sehen, die der unibrennt-Bewegung gewidmet ist. Im Zeitraum von eineinhalb Monaten wird dieses Eselsohr über diesen Weg dreieinhalb Millionen Mal eingeblendet. Jeder Klick auf dieses Eselsohr führt zur Website der Bewegung, die binnen kürzester Zeit zu einer großen im Netz wird und ein extrem hohes Ranking bei Google erreicht. Die Meinungsmaschine Google wird wohl Wind bekommen haben von den Protesten in Österreich.

    Die Teilnahme an einer Online-Demo mit Pagepeels sollte durch Einbauanleitungen für verschiedene Content-Management-Systeme (CMS) erleichtert werden, um es auch technisch unversierteren Personen so einfach wie möglich zu machen, an der Online-Demo teilzunehmen. Empfehlenswert ist die Aufbereitung von Code-Schnipseln, die nur noch durch Copy & Paste in die jeweils eigene Website integriert werden müssen. Ein eigens für WordPress erstelltes Plugin unterstützt die Installation des Pagepeels für Nutzer_innen dieses populärsten CMS. Die Interaktion ist nun mit wenigen Klicks ganz ohne Änderungen im HTML-Code möglich. Eine weitere Unterstützung einer Online-Demo erreichen wir durch die Visualisierung der teilnehmenden Websites. Diese können mit Screenshots erfasst und zusammengefasst werden, um ein aussagekräftigeres Bild der Unterstützer_innen zu liefern. Im Gegensatz zu einer Aufzählung in Listenform zeigt dieses Gesamtbild aus vielen verkleinerten Screenshots auf den ersten Blick die Fülle der Teilnehmer_innen an und stellt eine wichtige Werbemaßnahme dar. Die Thumbnails können automatisiert mit Hilfe von Services wie zum Beispiel bitpixels.com erstellt werden. Für das Monitoring und eine statistische Auswertung des Klicks auf Eselsohren, kann der dort aufgerufene Link mit einem URL-Shortener voreingerichtet werden. So lassen sich die Klicks über Eselsohren auf die Landing Page einfach messen.

    Social Networks-Demos

    Als im Iran im Juni 2009 im Gefolge der umstrittenen Präsidentschaftswahl in mehreren Städten protestiert wird und Unruhen ausbrechen, zeigen viele Menschen weltweit ihre Solidarität mit den Protestierenden, indem sie Profilbilder auf Twitter und in Facebook grün einfärben oder mit “Twibbons” versehen. Bei dieser Form der Solidaritätsbekundung verwendet mensch in den sozialen Netzwerken online den eigenen Avatar, um “Farbe zu zeigen”. Der Dienst twibbon.com erleichtert diese Solidaritätsgesten auf Twitter und Facebook. Zum einen kann sehr schnell ein Twibbon für eine Demo oder eine Kampagne vorbereitet werden, indem einfach ein kleines grafisches Element hochgeladen wird. Zum anderen können Nutzer_innen dieses grafische Element mit wenigen Klicks und ohne Fachwissen über ihre Profilbilder legen. Die grafischen Elemente sind in Anspielung auf an Kleidung getragenen Symbolen zum Beispiel virtuelle Schleifen oder Buttons. Online-Demos von Avataren bringen allerdings keine Klicks auf Landing Pages, können dafür ein eindrückliches Beispiel von Präsenz geben und Neugier in Zielgruppen schaffen, die weniger eingebunden in zivilgesellschaftliches Engagement sind. Der temporäre Austausch des eigenen Avatars mit dem Symbol einer gerade laufenden Kampagne ist daher eine der niedrigschwelligen Handlungsoptionen für Unterstützer_innen, die möglicherweise auf einer Landing Page angeregt werden.

    Immer öfter werden zudem Landing Pages auf Plattformen wie Facebook eingerichtet. Die Einladen-Funktion von Seiten erleichert es, andere Nutzer_innen auf Aktionen, Kampagnen oder Demos aufmerksam zu machen. Facebook bietet für solche Anwendungen zudem eigene Funktionen, wie etwa die “Causes”-Seiten zur Unterstützung von Fund Raising. Die Sinnhaftigkeit dieses Zugangs ist jedoch zweifelhaft. Auf Facebook ringen zu viele Anliegen, virale Videos und Nachrichten um Aufmerksamkeit. Ein «gefällt mir» ist zu schnell und noch vor der Wahrnehmungsschwelle angeklickt. Was bleibt ist der sogenannte «Slacktivism», der den Aufwand nicht lohnt. Allerdings kann es durchaus geschickt angestellt werden, eine Landing Page auch im Facebook zu betreuen. Dann sollte diese Seite als eine Art Expositur zur Sammelstelle und als Diskussionsraum genutzt werden, der Unterstützer_innen im Facebook abholt, um sie zu den vorbereiteten Aktionen und Beteiligungsmöglichkeiten wie etwa Petitionen zu bringen.

    Die viral selbstorganisierte #fuckyouwashington Online-DemoAvatarDemo AbschiebungsstoppPetitionen-Seite des Deutschen Bundestages

    SOLIDARITÄT UND UNTERSTÜTZUNG ONLINE AUSDRÜCKEN
    ➊ DiePresse.com berichtet, dass sich «unabsichtlich eine weitreichende Online-Demo organisiert». Gemeint ist damit freilich das virale Phänomen des Hypes, hier im Fall des «#fuckyouwashington» Hashtags auf Twitter.
    ➋ Auf Twitter, und mittlerweile auch auf Facebook und anderen Plattformen mit Benutzer_innen-Avataren, gibt es Kundgebungen, die darauf bauen, dass viele Nutzer_innen ihre Avatare symbolisch solidarisch in den Dienst einer Sache stellen.
    ➌ Seit Herbst 2008 ist es in Deutschland möglich, online auf der Petitionen-Seite des Deutschen Bundestages sowohl Petitionen einzubringen, zu unterzeichnen und zu diskutieren, als auch den Prozess der parlamentarischen Prüfung mitzuverfolgen.

    Unterschriften und Unterstützungserklärungen

    Wir sind durch das Internet viel leichter zu erreichen und können andere leichter kontaktieren. Das wirkt sich auch bei Unterschriftenlisten und Petitionen aus, zu denen wir immer häufiger eingeladen werden. Online sind Unterschriftenlisten noch dazu sehr einfach anzustossen, ohne dass schon geklärt sein muss, was mit den Unterschriften weiters gemacht werden soll. Nicht jede Unterschrift wird unter eine Petition gesetzt, und selten hat eine Petition die Tragweite eines Antrags auf ein Volksbegehren. Unterschriften können auch Aufrufe, Protestnoten oder offene Briefe untermauern. Die Bundesrepublik Deutschland hat mit der Online-Petition immerhin eine Möglichkeit für Bürger_innen geschaffen, mit öffentlichen Petitionen ab 50.000 Unterstützer_innen den Bundestag zu befassen. Von der schnell und spontan initiierten Unterschriftensammlung bis hin zur öffentlichen Petition an den deutschen Bundestag gilt, die weitere Verwendung der gesammelten Unterschriften und manchmal auch die Einbettung des Sammelns und Unterschreibens in die Strategie der Kampagne bestimmen eigentlich den Erfolg.

    Es gibt viele Optionen für das Unterschreiben, aber noch mehr ungenützte Unterschriftenlisten. Der Aufruf zur Unterzeichnung eines Anliegens kann die Aufklärung über Sachverhalte unterstützen, wenn Aussendungen und Landing Pages gut zusammengestellt sind. Der Aufruf zur Unterschrift kann der Vernetzung und dem Präsent-machen eines Anliegens gute Dienste bieten, wenn die Liste der Zeichner_innen gut einsehbar ist und jeder einzelne Akt des Unterschreibens über die diversen Sozialen Netzwerke sichtbar gemacht wird. Die Unterschriften können gut eingesetzt werden, wenn sie bei Übergaben auf Fotos gut in Szene gesetzt – wie das die Bürgerinitiative vom Augartenspitz geschafft hat – und in Aktionen eingebaut werden, über die die Presse berichtet.

    Technisch ist das Einholen von Unterstützungserklärungen online mehr als simpel. Im Oktober 2007 richtet eine Person etwa aus dem Anlass heraus ein eigenes Blog nur zu dem Zweck ein, eine Solidaritätsliste zu beginnen. Die «gegenabschiebung. Unterschriftenliste» ist immer noch im Netz, besteht aus einem Blogartikel und 1.020 Kommentaren und gibt mit diesen oft ausformulierten Kommentaren Zeugnis über den Protest gegen das österreichische Fremdenrecht. Für das Organisieren von Petitionen online gibt es sowohl eigene Websites als auch Tools und Softwarelösungen. Auf petitiononline.de beziehungsweise petitiononline.at oder ipetitions.com können selbstorganisiert Unterschriftenlisten und Petitionen eingerichtet werden. Eigene Nichtregierungsorganisationen spezialisieren sich auf Organisation und Service von Petitionen als Form politischen Engagements, so wie MoveOn.org in den USA oder «Campact» in Deutschland. Für eigene Webauftritte gibt es Erweiterungen, die Abstimmungen und Unterschriftenlisten in die Website oder das Blog einbinden.

    Zusammenfassung

    Durch das “Sharen” von Content verbreiten sich Inhalte. Die Inhalte werden dann durch das Auftauchen an vielen Stellen in Summe präsenter und als dringlicher wahrgenommen. Manchmal genügt es nicht, dass die Inhalte sichtbarer werden, wir müssen als Personen, als Akteur_innen, als Aktivist_innen Präsenz zeigen. Wir müssen zeigen, dass uns etwas bewegt, uns gemeinsam zu bewegen. Einfach ist das im flüchtigen Netz nicht, aber mit manchen Online-Demos und Petitionen ist es schon gelungen, viele Menschen im Netz sichtbar zu Demonstrationen ihres Protests und ihrer Anliegen zusammenzubringen und zusammen als Kollektiv sichtbar zu machen, sodass wir in dieser Sache dann «eine_r von vielen» sind.

    • Denkt an die Landing Pages. Und denkt nicht nur an sie, bastelt sie mit Hilfe anderer eindrucksvoll und zielgerecht. Mit Hilfe anderer heißt unter anderem, holt euch viel Feedback von verschiedenen Personen.
    • Feedback muss sichtbar gemacht werden, das sollte schon auf der Landing Page anfangen, sich aber im ganzen Netz widerspiegeln.
    • Ob Banner oder Eselsohr: Die grafische Umsetzung sollte niedrigschwellig sein und gut im Symbolgehalt. Ein Bild einsetzen.
    • Mit Solidaritätsgesten kann gearbeitet werden, selbst wenn es nur Gesten sind. Versuchen wir auf den niedrigschwelligen Solidaritätsbekundungen aufzubauen und schrittweise mehr Partizipation zu erreichen.
    • Wo Partizipation gerne billig sein kann, das sind die technischen Hürden und die Ideen, um die sich potenzielle Unterstützer_innen nicht kümmern müssen. Wenn wir diese Hürden niedrig halten, gut vorbereitet sind und Hilfe anbieten können, dann erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit für Aktivitäten deutlich.
    • Verwendet keine großen, hochaufgelösten Grafikdateien für Banner und Eselsohren. Verzögert das Laden von Seiten und belastet, wenn das Bild bei euch liegt, unnötig eure Server.
    • Nicht auf die Postingforen der Online-Medien vergessen, dort müssen Anliegen angesprochen und Landing Pages verlinkt werden.
    • Unterschriftenlisten sollten Petitionen sein! In dem Sinne mindestens, als die “Eingabe” der gesammelten Unterschriften und nicht nur ein schlichtes Sammeln und Abgeben geplant sein sollte.
    • Klick-Aktivismus und Selbstbetrug mit ein paar billigen Gesten ist nichts wert. Wenn sich nicht mehr als das herausholen lässt, dann gleich bleiben lassen.