Dialog Informationstätigkeit Mobilisierung Netzkultur Partizipation Selbstorganisation Transparenz Vernetzung

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  • Partizipative Veranstaltungen

    Den Raum für Dialoge und selbstorganisiertes Lernen organisieren

    «Wenn zwei Knaben jeder einen Apfel haben und sie diese Äpfel tauschen, hat am Ende auch nur jeder einen. Wenn aber zwei Menschen je einen Gedanken haben und diese tauschen, hat am Ende jeder zwei neue Gedanken.»
    Platon


    Wie können Veranstaltungen so organisiert werden, dass sich die begegnenden Menschen motiviert fühlen, ihr Wissen mit anderen zu teilen? Das Web 2.0 hat eine Kultur hervorgebracht, Menschen miteinander in Beziehung zu setzen, indem Gemeinsamkeiten über eine große Anzahl Beteiligter gesucht und gefunden werden. Die Aneignung von Wissen findet dann statt, wenn Menschen die Probleme ihres Alltags lösen müssen. Das häufig hoch spezialisierte Wissen weiterzugeben gelingt in Webforen, Blogs, den Facebook-Gruppen oder ganz allgemein in zahlreichen Communities im Internet. Seit geraumer Zeit sind Veranstaltungsformate zu beobachten, die die digitalen Pfade ergänzen und in der Kohlenstoffwelt face2face-Begegnungen hervorbringen. Socialbars, BarCamps, Twittwoche, Usergroups, “Web-Stammtische”, Hackerspaces: Die Namen sind zahlreich, die Veranstaltungskonzepte ebenso. die diesen Veranstaltungen gemeinsame Kultur ist geprägt von Ergebnisoffenheit, gleichrangiger Partizipation und Individualisierung.

    Die auf solchen Veranstaltungen zusammenkommenden Menschen sind geprägt durch die many-to-many-Kommunikation der digitalen Welt. Sie sind sowohl gestaltende als auch rezipierende Beteiligte in ihrer Community. Moderator_innen haben strukturierende, systematisierende Aufgaben und enthalten sich der Einflussnahme auf Meinungsmache. Dort wo sich die Web 2.0-Kultur des Austausches bei Treffen, Versammlungen und Veranstaltungen herausgebildet hat, fühlen sich alle Beteiligten gleichermaßen für die Community und die gelebte Kultur verantwortlich. Sie leben und erleben die gegenseitige Wertschätzung ihrer eigenen Beiträge sowie der anderen Inputs. Veranstaltung mit Web 2.0-Kultur sind Trainingsräume für konstruktives Kritisieren, Feedback-Einholen und mit den Inputs der anderen Arbeiten. Der Austausch und die Weiterentwicklung von Wissen läuft selbstorganisiert und vielstimmig.

    A short history on BarCamps, die Veranstaltungen der Netizens

    Der Begriff des «BarCamps» steht am bekanntesten für partizipative Veranstaltungen, wie sie durch die Netzkultur entwickelt wurden. BarCamps sind aus einer Abwandlung der sogenannten «FooCamps» hervorgegangen, die der einflussreiche “Tech-Guru” Tim O’Reilly seit 2003 jährlich abhält und “Friends of O’Reilly Camps” (FooCamp) nennt. O’Reillys Anspruch ist, Hacker_innen, Entwickler_innen neuer Technologien, Vordenker_innen und Evangelist_innen des Internets zusammenzubringen und bei einer Veranstaltung wie in einem Wiki zusammenarbeiten zu lassen. Da diese Camps in ihrer Anlage als “Un-Konferenzen” erfolgreich jedoch exklusiv sind – nur wer eingeladen ist kann teilnehmen – wird im Sommer 2005 von Teilnehmer_innen des FooCamps als Gegenentwurf ein erstes offenes BarCamp ausgerichtet.

    Das «Bar» in BarCamp steht dabei für “allgemein” beziehungsweise “offen” und leitet sich aus einem Element der Programmiersprache ab. Seit diesem ersten BarCamp in Palo Alto, Kalifornien, ist es Programm, dass BarCamps offen sind und «Jede_r sich auf die eine oder andere Weise einbringen muss». Barcamps sollen in jeder Hinsicht offen sein, sowohl was die diskutierten Inhalte, die Teilnehmenden als auch die Ergebnisse angeht. Aber sie haben natürlich einen Rahmen: sie entspringen der Netzkultur, werden über das Netz bekannt gemacht, widmen sich im weitesten Sinn Netzthemen und werden Teilnehmer_innen besucht, die viel mit dem Netz arbeiten. Sofort nach dem ersten BarCamp in Kalifornien treten das Veranstaltungskonzept und die damit einhergehende Kultur einen viralen Siegeszug um die Welt an.

    Das Papier-Wiki bei einem BarCamp in Klagenfurt: selbsttätiges Eintragen von Sessions in die Slots. «Was ist ein BarCamp?» YouTube-Video vom EduCamp in Aachen. Die Sessions am zweiten PolitCamp-Tag via Beamer groß und sichtbar projeziert.

    DIE “SESSIONS”-PLANUNG AUF BARCAMPS
    ➊ Am Beginn eines BarCamps steht das Zusammenstellen des Programms. Das “Papier-Wiki” wird selbsttätig von Teilnehmer_innen befüllt. Den sogenannten “Slots” werden Programmpunkte zugewiesen, die “Sessions“, Vorträge, Workshops oder Diskussionen.
    ➋ Videos vom «EduCamp», einem BarCamp im Ruhrgebiet oder einem «CastleCamp» für Tourismus und Web erklären: Was ist ein BarCamp, und wieso fängt alles mit keinem Programm an?
    ➌ Sind die bespielbaren “Slots” durch die Angebote der Teilnehmer_innen gefüllt, ergibt das ein buntes Programm, so wie hier am «PolitCamp» in Bonn. Das Vortragen, Zuhören, Diskutieren und Netzwerken kann beginnen.

    Da BarCamps aus der Netzkultur hervorgehen, stehen die übergeordneten Themen zumeist in einem Zusammenhang mit dem Netz, und neben den allgemein gehaltenen «BarCamps» als Treffen digitaler Kontakte in der “realen Welt” gibt es diverse Themencamps: PolitCamps, SocialCamps, DesignCamps, GenderCamps, OpenDataCamps etc. All diese BarCamps verzahnen die digitale mit der analogen Welt in jeder Hinsicht. Zuerst wird ein Pflock in Form der Bekanntmachung eines Ortes, des Datums und der Schwerpunktsetzung in die Erde geschlagen. Dann wird in Blogs, auf Twitter, Facebook und in den Soziale Netzwerke darüber geschrieben und dazu eingeladen. Und schließlich kann jede_r kommen und ein gewünschtes Thema anbieten, auf die Tagesordnung setzen und diskutieren. Die Kommunikation mit den Interessierten wird vor und nach den Un-Konferenzen fast nur digital abgewickelt. Auch auf der Veranstaltung selbst spielen Medien eine sehr wichtige Rolle. Sie dienen der Dokumentation der Veranstaltung und zu einem wesentlichen Teil der sozialen Vernetzung untereinander. BarCamps und die dem Veranstaltungsformat angelehnten Themencamps sind Treffpunkte, um den eigenen Horizont und das eigene Netzwerk zu erweitern. Deshalb haben solche Veranstaltungen in der Regel regionalen Charakter.

    Die Struktur von Un-Konferenzen und Open-Space-Symposien

    Den BarCamps, die meist über zwei Tage angesetzt werden, sind Formate für kleinere, spontanere und kürzere Treffen angelehnt. Solche Veranstaltungen wie ein “Webmontag” sind dann nur für einen Abend angesetzt und bedürfen dementsprechend weniger Vorbereitung und Aufwand im Organisieren der Infrastruktur, aber sie werden von der gleichen Kultur getragen. Es kann kommen, wer immer interessiert ist. Es wird diskutiert und thematisiert, was vor Ort ausgemacht wird. Es herrscht das Prinzip “Open Space“. Die Veranstaltungsformate des Web 2.0 sind also kein vollkommen neues Genre in der Bildungslandschaft, sondern eher ein konsequentes Verzahnen von digitalen Technologien und Techniken offener, selbstorganisierter Kommunikation. Die Sozialen Netzwerke helfen dabei, entstandene Kontakte zu konservieren und lebendig zu halten. So werden Kontakte für den Moment bewahrt, in dem andere die eigenen Kompetenzen nachfragen oder mensch selbst auf Fähigkeiten und Wissen aus dem Netzwerk zurückgreifen will. Nicht ohne Grund gibt es bei Twitter den Hashtag: #followerpower. Wenn wir vor einem Problem stehen, für das die Hilfe aus den Reihen der Community benötigt wird, rufen wir «#followerpower» ins Netz hinaus. Mit etwas Glück und bei gutem Vernetzungsgrad erhalten wir Antworten. Es finden sich andere Personen mit ähnlichen Problemlagen, Interessen und Arbeitsgebieten. Eine anregende Debatte entsteht, der Austausch von Know-how läuft an. Dabei können diese Dynamiken online ebenso wie auf Veranstaltungen selbst evoziert und genutzt werden.

    Open-Space-Symposien werden seit den 1980er-Jahren zum Beispiel im pädagogischen Bereich genutzt. Auch bei Open-Space-Symposien gibt es Leitthemen und möglicherweise den einen oder anderen vorbereiteten Impulsinput. Zum von den Veranstalter_innen ausgeschriebenen Leitthema entwickeln die Teilnehmer_innen aber selbst die Inhalte und das Programm. Die Autonomie jeder Teilnehmerin, jedes Teilnehmers und jeder Workshop-Gruppe ist wichtig, wird geachtet und durch das Format weiter geschult. Die Angebote für Vortragsinputs und die Fragen, die mensch diskutieren will, werden zu Beginn des Symposiums in einem gemeinsamen Plenum gesammelt. Die Teilnehmer_innen wählen dann anhand der im Plenum veröffentlichten und auf Pinnwänden festgehaltenen Angebote aus. In mehrere Räumen des Veranstaltungszentrums können Workshops und Vorträge parallel stattfinden, allenthalben kommt das Plenum zusammen. Die Veranstaltung ist also eine “Un-Konferenz” abseits der Trennung in Vortragende und Publikum.

    Ob Open-Space-Symposium, Un-Konferenz oder BarCamp: die offene Struktur der Veranstaltung ermöglicht, dass wir «#followerpower» rufen und uns beschäftigende Fragen mit anderen diskutieren, Feedback einholen und mit Hilfe des Wissens anderer weiterkommen. Die Allgegenwart digitaler Medien, die bei der Form des BarCamps den Unterschied zu den anderen genannten Veranstaltungen ausmacht, wird allgemein als nützlich und weniger als störend wahrgenommen. Das hängt sicherlich auch mit der technikaffinen Zielgruppe zusammen, die von solchen Veranstaltungen erfährt, und die intensiv über das Internet kommuniziert. Das hängt aber auch mit der Experimentierfreude zusammen, die ebenso symptomatisch ist, wie die Beta Phasen [Beta = Fortgeschrittener, aber noch nicht vollkommen ausgereifter Zustand des Produkts], in denen sich viele der im Web 2.0 etablierten Webseiten befinden.

    Das erste PolitCamp in Berlin

    Das PolitCamp im Jahre 2009 war ein gegenseitiger, überparteilicher und konstruktiver Austausch zwischen Theorie und Praxis. Innerhalb von zwei Monaten Vorbereitungszeit registrieren sich 617 Interessierte für das «PolitCamp09». Am 2. und 3 Mai 2009 sind es dann 587 politisch Interessierte, die tatsächlich gekommen sind. Internetexperten, Wissenschafter, Politiker und vor allem ganz normale Internetnutzer_innen und Bürger_innen treffen sich und diskutieren miteinander. Es werden Wege gesucht, auf denen die Politiker_innen ihre Politik transparenter machen können und wie sie sich diskursiver den Bürger_innen anbieten sollen. Es werden aber auch Dienste, Plattformen und Anwendungen vorgestellt und diskutiert, die es Wähler_innen leichter machen sollen, Politik zu verfolgen, zu verstehen und an politischen Prozessen zu partizipieren. Teilweise werden auch neue Dienste als weiter zu entwickelnde Ideen kreiert. “Politiker_innen” sind auch jede Menge da und sie bestätigen, dass das Veranstaltungsformat dem postulierten Veranstaltungsziel entspricht: Digitale Kommunikation über politische Themen trägt zur Demokratisierung bei.

    Das PolitCamp09 in Berlin ist ein erster Versuch ohne große Erfahrungswerte, auf die mensch sich hätte beziehen können. Nach dem Sessionaufruf im Internet wird schon befürchtet, dass die Kapazitäten der Räume nicht ausreichen könnten, aber auch, dass die vorgesehenen, einführenden 30 Minuten zur Planung des ersten Sessiontages viel zu kurz bemessen sein könnten. Aber das Ergebnis kann sich dann sehen lassen. Für eine traditionelle Konferenz dieser Größenordnung mit fast 600 Teilnehmer_innen wäre wahrscheinlich deutlich mehr unterstützendes Personal und deutlich mehr Zeit für die Vorbereitung notwendig. Das PolitCamp09 kommt mit einem Kernteam bestehend aus sechs Organisator_innen aus, unterstützt von einer Fülle von Aktiven direkt vor Ort. In lockerer und prägnanter Form wird der Sessionplan gefüllt. Jede und jeder, die oder der etwas thematisieren will, kann das auch tun. “Den Experten” gab es nicht. Nur selten handelt es sich bei “Sessions” um Vorträge, in den meisten Fällen geht es um Meinungs- und Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe. Auf die wiederholte Frage, wo es denn einen Vortragsplan gibt, wird auf die Sessionplanung zu Beginn eines jeden Tages verwiesen. Im Vorfeld ist noch oft ein skeptisches «Ob das mal gut geht.», die Reaktion. Am Camp selbst geht alles gut und selbstorganisiert flüssig ab. Die vertretenen Politiker_innen können auch mit der Twitterwall gut leben. Die auf der Twitterwall sichtbar werdende digitale Kommunikation wird sogar in ihre Statements miteinbezogen. So wird auf die Fragen der Zuhörer_innen, aber auch auf ihre Polemiken eingegangen. So ist es vielen, wenn auch nicht direkt so doch über den Kommunikationsdienst Twitter, möglich, mit den Politiker_innen zu debattieren.

    Die Realität zwischen Tagesordnungen und Konferenzprogrammen

    Das gute alte Konferenzwesen betont schon in der Konzeption die Wissensvermittlung. Der Mensch ist Gast, Teil des Publikums, kaum Teilnehmer_in und wird teils als Konsument_in, teils als Festplatte begriffen, die es zu füllen gilt. Dabei wissen wir alle aus eigener Erfahrung, dass am Ende einer Fachtagung nicht nur die Vorträge, sondern vor allem die Begegnung mit interessanten Menschen und Gespräche abseits in Pausen und am Buffet ein wichtiger Teil des Erfolges einer Veranstaltung sind. Und das gilt nicht einmal nur für die Konferenz oder die Fachtagung, das fängt schon bei der Jahresversammlung, dem Mitgliedertreffen und der regelmäßigen Sitzung unserer Organisation an. Bei der Konferenz erfolgt die Auswahl der Referent_innen und Expert_innen in aller Regel nach ihrem Bekanntheitsgrad. Bei der Mitgliederversammlung hat der Vorstand die Tagesordnung festgelegt, führt und erteilt das Wort. Einmal ausgetretene Pfade haben zur Folge, dass auf thematisch ähnlich gelagerten Konferenzen immer wiederkehrende Expert_innen die immer ähnlich gestellten Fragen diskutieren. Einmal bezogene Rollenaufteilungen zwischen denen, die informieren und den anderen, die informiert werden, sind so, weil wir es immer schon so gemacht haben. Eine PowerPoint-Präsentation gleicht und folgt der nächsten, ein Bericht der Vorsitzenden dem anderen und die Moderation dient dazu, den Taktstock zu schwingen mit dem das Ritual eingehalten wird. Die Beteiligung des Auditoriums begrenzt sich auf Fragen zum vorangegangenen Vortrag. Das Auditorium hat zuzuhören und gefällt sich daher auch in dieser passiven Rolle. Beteiligung und Auseinandersetzung kann fast nur in den konferenzualen Zwischenräumen geschehen, also beim Kaffee, in der Mittags- oder bei der Rauchpause. Die gemeinsame Weiterbearbeitung eines offenen Themas fällt dem Zeitraster der Konferenz zum Opfer. Solche eingefahrenen Strukturen sind anfällig, sogenannte “Echokammern” zu werden. Das ist ein stückweit nicht zu vermeiden. Echokammern sind Gremien, thematische Zirkel, Parteien, Communities und andere mehr oder weniger geschlossene Systeme, die alle irgendwann dazu neigen, sich selbst in ihrem Ansinnen zu bestätigen und vor allem mit sich selbst zu beschäftigen. Die eigene Welt bestimmt die Wahrnehmung der Akteure so sehr, dass eine Auseinandersetzung mit anderen, mit Außenstehenden, mit “Fremden” immer schwerer möglich ist.

    Wäre eine Veranstaltung denkbar, die das genaue Gegenteil der üblichen Versammlung, der üblichen Sitzung, der üblichen Form der Konferenz ist? Eben eine Un-Konferenz, eine Nicht-Konferenz? Sollten wir nicht hie und da Veranstaltungen einschieben, die wir bewusst öffnen und aufmachen, was beiläufig bemerkt auch einiges an Vorbereitungsarbeit braucht. Selbst Konferenzen sind häufig nicht öffentlich. Im besten Fall wird nach der Konferenz ein Bericht veröffentlicht, der die Ergebnisse oder besser die vorgetragenen Inhalte zusammenträgt. In anderen Fällen gibt es ein Protokoll streng nach der Tagesordnung. Sollten wir also nicht immer wieder einmal Tagungen, Sitzungen und Konferenzen einstreuen, die uns aus der “Echokammer” herauszwingen? Teilnehmer_innen dürfen von überall kommen und können zu einem Vortrag kommen und gehen, wann er oder sie will. Jede_r könnte selbst einen Input liefern oder ein Workshop organisieren. Nicht die Gewerkschaftskarte, nicht das Parteibuch, nicht die Vereinsmitgliedschaft würden darüber entscheiden, ob mensch als Teilnehmer_in zugelassen ist, sondern ausschließlich die Anmeldung und die Partizipation selbst, ganz wie bei der Wikipedia. Die Veranstaltung würde via Video und Live-Stream im Netz zu sehen sein und jede_r, der oder die nicht kommen kann, hätte die Möglichkeit sich digital einzubringen. Die Grenzen zwischen den Anwesenden und Zuschauer_innen aus dem digitalen Raum würde verschwimmen. Eine Twitterwall würde als Subkommunikation zur Tagung von allen Partizipierenden genutzt werden können, online wie offline. Eine solche Veranstaltung könnte die Grenzen von Veranstaltungsraum und Öffentlichkeit erweitern. Die Utopie ist barrierefreie Bildung für alle von allen. unibrennt oder auch #yeswecamphaben gezeigt, dass solche Veranstaltungen Menschen in Resonanz versetzen.

    Der organisatorische Ablauf eines BarCamps

    Das BarCamp ist für uns so etwas wie die “Mutter der offenen partizipativen Veranstaltungen”, die aus der Netzkultur hervorgegangen sind. Wir wollen daher das BarCamp exemplarisch behandeln und eine Checkliste für BarCamp-Organisator_innen skizzieren. Ein BarCamp findet am besten an einem Wochenende über zwei Tage hinweg statt. Es beginnt gegen 10.00 Uhr mit dem Check-in. Der Check-in ist die zentrale Anlaufstelle in Form eines Info-Tisches. Organisatorische Fragen aller Art können hier gestellt und beantwortet werden, Namensschilder und Listen sind hier zu finden. In der unmittelbaren Nähe steht der Sessionplan, auf dem alle Veranstaltungen des jeweiligen Tages zu finden sein werden. Bevor Sessions eingetragen sind, ist dieser Sessionplan ein Raster aus Zeitslots und Räumen. Dieses Raster zeigt die zur Verfügung stehende Infrastruktur an bespielbaren “Slots” an. Gegen 11.00 Uhr beginnt die gemeinsame Einführungssession. Nachdem sich das Orgateam vorgestellt hat, wird kurz das Veranstaltungsformat erklärt und zu den Punkten Vorstellung und Sessionplanung übergeleitet:

    1. Jede_r Anwesende stellt sich knapp mit Namen und drei freigewählten Tags vor, die ihn oder sie beschreiben. Die Vorstellungsrunde verschafft den Teilnehmer_innen einen ersten Überblick zu interessanten Gesprächspartner_innen.

    2. In der anschließend moderierten Sessionplanung werden alle, die eine Session gestalten wollen, gebeten diese kurz vorzustellen. Nach jeder Sessionvorstellung wird abgefragt, wie viele Interessent_innen es gibt, nicht um bei fehlendem Interesse die Session ausfallen zu lassen, sondern um zu wissen, wie groß der Raum sein muss, in dem diese Session stattfinden soll. Die Sessions werden in das “Papier-Wiki” an der zentralen Stelle beim Info-Tisch eingetragen.

    Der Sessionplan wird bei einem zweitägigen Barcamp immer nur für einen Tag festgelegt. Es hat sich gezeigt, dass es am Folgetag häufig Follow-up-Sessions gibt, weil die Zeit am ersten Tag nicht ausgereicht hat, oder weil wiederum andere Teilnehmende das Thema um bestimmte Aspekte erweitern wollen. Eine Session dauert in der Regel 45 Minuten und liegt in einem einstündigen Slot, sodass die Teilnehmenden noch 15 Minuten Zeit haben, den Sessionraum zu wechseln. Es empfiehlt sich, die Zeiten auch präzise einzuhalten, da sonst die nachfolgende Session verspätet anfangen muss. Sessions können ab zwei Personen problemlos durchgeführt werden. Eine Session muss nicht zwangsläufig ein Vortrag sein, sondern kann auch eine These diskutieren oder ein Hands-on-Workshop sein. Es sind auch schon Gesellschaftsspiele in einer Session gespielt worden. Das BarCamp wird gegen Ende des abschließenden Tages schließlich durch eine gemeinsame Abschlusssession aller beendet, bei der jede_r Teilnehmende in drei Tags versucht, ein Fazit für die Veranstaltung zu formulieren. Anschließend helfen alle Anwesenden mit, die Veranstaltungsräumlichkeiten wieder in Ordnung zu bringen.

    Einen guten Leitfaden, was bei der Organisation eines BarCamps zu bedenken ist – nämlich auch im Vorfeld und für die Nachbereitung – gibt es im mixxt-Blog. Wir wollen hier kurz skizzierend anreißen, was alles in den Phasen (1) vorher, (2) währenddessen und (3) nachher bedacht werden will:

    Vorher: sind im Sinne eines Missionstatements die inhaltliche Ausrichtung und Zielgruppe zu definieren. Ein Team sollte sich zusammmenfinden, das die Organisation übernimmt: das Orga-Team. Das sollte nicht nur aus Ideengeber_innen, sondern auch aus strategischen Partner_innen bestehen, die gewünschte Zielgruppen ansprechen und aktivieren können. Termin und Ort sollten so früh wie möglich festgelegt werden. Bei der Auswahl des Ortes sollte darauf geachtet werden, dass Wlan und ausreichend Infrastruktur wie Beamer etc. vorhanden sind. Außerdem wird ein großer Raum benötigt, in dem alle Barcampenden Platz finden, und daneben so viele Räume wie möglich. Sponsoren und Medienpartner wollen gefunden werden, und ihre Beteiligung ist abzusprechen. Ein eigener Twitter-Account, eine Facebook-Seite, das CampBlog und ein Wiki wollen eingerichtet werden. In Österreich gibt es dazu das offene BarCamp Austria Wiki, auf dem Bereiche für BarCamps eingerichtet werden können. In Deutschland wird von vielen BarCamps dazu eher die mixxt-Plattform verwendet. Auf all diesen Kanälen wird das BarCamp mit Termin und Thema angekündigt, die Vernetzung der Kanäle kann und sollte so früh als möglich beginnen. Sessionvorschläge können bereits gepostet werden, die Teilnehmer_innen-Liste beginnt sich zu füllen. Ob Teilnahmegebühren oder Unkostenbeiträge mit einem symbolischen Betrag zwischen 10,- € und 20,- € erhoben werden, ist zu klären.

    BarCamps sollten kostenlos und damit für jede_n zugänglich sein, es hat sich jedoch gezeigt, dass die No-Show-Rate, also die Anzahl der Angemeldeten, die dann doch nicht kommen, viel höher ist, wenn der Eintritt kostenlos ist. Bei der Anmeldung sollte die E-Mail-Adresse abgefragt werden, um die Teilnehmenden exklusiv auf das kommende Barcamp vorbereiten zu können. Wichtige Hinweise sollten in einem Newsletter zusammengefasst werden. Sollte es mehr Anmeldungen als Plätze für das BarCamp geben, sollte eine Warteliste eingerichtet werden. Etwa zwei Wochen vor Beginn des BarCamps sollte das Vorschlagen von Sessions möglich sein. Für BarCamp-Newbies ist es eine große Hilfe, eine inhaltliche Struktur vorzufinden. Die Vorschläge im Vorhinein dienen aber auch dazu, sich mit anderen zusammenzuschließen, die eine ähnliche Session planen. Darüber hinaus können Sessionwünsche formuliert werden.

    Check-in und Infotisch kurz vor dem ersten PolitCamp 2009 in Deutschland.Planung der Sessions am zweiten Tag des BarCamps in Wien. Die Angebote und Ideen sind vorgetragen und vorgestellt, jetzt geht es an das zusammenstellen des Tagesprogramms.Eine Workshop-Session in einem der Räume, die beim BarCamp in Wien bespielt werden.

    DIE SELBSTORGANISATION DES BARCAMP-ANGEBOTS
    ➊ Der Check-in wird im Vorhinein vom Orga-Team vorbereitet. Teilnehmer_innen-Listen, Namenskarten, Infomaterial etc. liegen bereit. Die Betreuung des Info-Bereichs teilt sich das Team auf. Dazu gibt es einen Stundenplan, wer wann freiwillig für die Besetzung des Check-ins zur Verfügung steht.
    ➋ Nach der Eröffnung durch die Organisator_innen und der Vorstellungsrunde aller geht es an die Planung der Sessions. Vortragsthemen und Workshop-Ideen werden gesammelt und zu einem Programmablauf eines Tages zusammengeführt.
    ➌ Den Rest des Tages laufen die Sessions, oft in mehreren Räumen parallel. Vom Workshop im kleinen Kreis bis zur großen Diskussion vieler ist alles möglich, vorausgesetzt die räumliche Infrastruktur wurde im Vorfeld für verschieden große Gruppen organisiert.

    Während des Camps: Der Check-in, Infotisch und der Sessionplan als “Papier-Wiki” wollen vorbereitet und aber auch laufend betreut werden. Das Gleiche gilt für technische Infrastruktur wie Wlan, Live-Stream, Beamer und so banal klingende Details wie die ausreichende Versorgung mit Steckdosen und Verlängerungskabeln. Beim Check-in sollte der Abgleich Teilnahmelisten und Unterschriftenlisten administriert werden, besonders wichtig, wenn öffentliche Gelder für das BarCamp verwendet werden. Die Ausgabe der Namensschilder kann mit der Erfassung der E-Mail-Adressen, Twitter-Accounts etc. einhergehen. Eine Stunde nach dem Einlass erfolgt die Eröffnungssession. Hier sollte auf die Möglichkeit der Dokumentation hingewiesen werden. Bei kleineren Camps kann das CampBlog von allen genutzt werden, indem allen Teilnehmenden Schreibrechte eingeräumt werden. Bei größeren Camps können Wikis oder Etherpads genutzt werden. Der Vorteil der Etherpads ist, dass viele Teilnehmende zeitgleich Notizen zu Sessions schreiben können und keine einzelne Person für ein Protokoll benannt werden muss.

    Nachbereitung: fängt bei der Sammlung von Inhalten am Camp selbst an, also zum Beispiel Fotos und Videos, aber auch der Hinweis auf die gemeinsame Flickr-Gruppe oder Hashtags. In den Tagen nach dem Camp sollte es eine Vielzahl an Blogbeiträgen, Videos und Foto-Alben online von den Teilnehmer_innen geben. Diese sollten aufbereitet und im Campwiki oder bei Mixxt gesammelt und im CampBlog dokumentiert und empfohlen werden. Über Twitter und Facebook gehen Nachrichten raus, was es alles an Dokumentationsmaterial gibt. Aufgezeichnete Sessions können über einen eigenen YouTube-Kanal zur Verfügung gestellt werden.

    Von Webmontagen, Pecha Kucha’s und Twittagessen

    Neben den großen und intensiven BarCamps gibt es viele kleinere Veranstaltungsformate, die sowohl Diskussionen am Laufen und Netzwerke lebendig halten als auch als wichtiges Korrektiv funktionieren können, um Außen- und Innensichten abzugleichen und Entwicklungen mitzubekommen. Der Web-Montag ist etwa ein abendliches informelles Treffen zu unterschiedlichen Themen. Das Treffen, wöchentlich oder monatlich, wird in der Regel dezentral via Netz organisiert – es gibt sowohl die Plattform webmontag.at als auch webmontag.de – und kann in Lokalen oder Vereinsräumlichkeiten stattfinden. Die Themen bei klassischen Webmontagen spannen sich rund um technische Innovationen und Entwicklungen. Thema und Referent_innen können auch schon vorher bekannt gegeben werden. An einem Abend gibt es häufig Input von zwei Expert_innen in einem Bereich und Austausch mit allen zu diesen Themen.

    Statt eines klassischen Webmontags können freilich auch Themen abseits der im engeren Sinn “Webthemen” auf das Tapet gebracht werden. Die Form des «Pecha Kucha» kommt etwa aus dem Architekturbereich und sieht, ebenfalls als Abendveranstaltung, die Präsentation von Themenbereichen in einer prägnanten, klar definiert kurzen Zeit vor, um neben dem Input auch wieder ausreichend Raum für das soziale Netzwerken zu schaffen. Beim «World-Café» handelt es sich wiederum um eine Workshop-Methode, die aber gut mit digitaler Begleitung und Auf- beziehungsweise Nachbereitung kombiniert werden kann. Ein Twittagessen ist schließlich ist ein ungezwungenes, per Twitter einberufenes offenes Treffen mit dem vordergründigen Ziel der gemeinsamen Essensaufnahme in angenehmer Runde. Ein Twittagessen wird spontan eingerichtet und angekündigt und eignet sich hervorragend zum schnellen Austausch und um neue Leute kennenzulernen. Das Vorurteil, das Internet mache einsam und die Online Plattformen ersetzen die direkte Face-to-Face-Kommunikation, wird gerade durch solche niedrigschwelligen Veranstaltungen widerlegt. Digitale Kommunikation lässt häufig den Wunsch entstehen, die Menschen hinter den Avataren und Benutzerkonten kennenzulernen. Online-Kommunikation und Begegnungen in der “Real-World” verschränken sich. Für die Schaffung eines Netzwerkes ist gerade dieser lauwarme Kontakt außerordentlich wichtig.

    Zusammenfassung

    BarCamps brechen mit den traditionellen Formen von Bildungsveranstaltungen, weil sie die Teilnehmenden in den Mittelpunkt stellen. Unsere eigene Bildungsbiografie hat die Lehrenden in den Mittelpunkt gestellt und dadurch die lange bekannten konstruktivistischen Grundlagen ignoriert. Vermittlung von Wissen kann nur im Dialog stattfinden, im Abgleich der verschiedenen Konstrukte und Vorstellungen, die sich der Lernende von einem Bildungsgegenstand macht. Nichts wird so verstanden, wie es vermittelt wurde. BarCamps sind der Prototyp eines konstruktiven Lernsettings. Sie machen deutlich, dass jeder vom anderen lernen kann. Das Interesse füreinander muss jedoch bestehen. Die Sozialen Netzwerke sind ein Katalysator, dieses Interesse auch für die Menschen zu entwickeln, die mensch als Fremde bezeichnen würde. BarCamps bringen die Sozialen Netzwerke und Arbeitsweisen wie die in einem Wiki in die analoge Welt. Deshalb ist es nur logisch, dass die Kommunikationskulturen des Netzes, von Twitter, Facebook und aus der Blogosphäre so eng mit den Un-Konferenzen verwoben sind.

    Die Regeln des BarCamp-Prinzips:

    • Du sollst über BarCamps reden.
    • Du sollst zu BarCamps bloggen.
    • Wenn du etwas präsentieren willst, schreib dein Thema und deinen Namen in einen freien Präsentationsslot.
    • Nur drei Begriffe zur Vorstellung.
    • So viele Präsentationen parallel wie die Räumlichkeiten es zulassen.
    • Keine vorab festgelegten Vorträge, keine Tourist_innen.
    • Präsentationen dauern so lange, wie sie eben dauern, oder bis der Raum für den nächsten Präsentationsslot gebraucht wird.
    • Wenn du das erste Mal bei einem BarCamp dabei bist, musst du etwas präsentieren. (O.k., du musst natürlich nicht absolut und unbedingt, aber versuch jemanden zu finden, mit dem du gemeinsam etwas präsentieren kannst, oder stell wenigstens Fragen und sei ein_e aktiver/aktive Teilnehmer_in.)